Gin im Selbstversuch: Meine sechsmonatige Reise durch heimische Manufakturen

Es begann mit einem Regal. Ein leeres Regalbrett in meiner Küche, um genau zu sein. Irgendwann vor gut einem halben Jahr hatte ich die Nase voll von der immer gleichen Flasche aus dem Supermarkt. Gin war für mich lange Zeit einfach Gin. Ein Standardtonikum dazu, vielleicht eine Scheibe Gurke, fertig. Doch dieses leere Brett forderte mich heraus. Ich beschloss, es nicht mit den üblichen Verdächtigen zu füllen, sondern nur mit Gins von deutschen Manufakturen. Kleinen Brennereien, die man nicht an jeder Ecke findet. Sechs Monate später ist das Regal voll, und mein Verständnis für das, was Gin sein kann, hat sich komplett gewandelt.

Die Suche nach diesen besonderen Flaschen war die erste Hürde. Man findet sie nicht im Discounter. Stattdessen stöberte ich in Onlineshops für Spirituosen, besuchte regionale Märkte und fragte in gut sortierten Fachgeschäften. Eine besonders hilfreiche Anlaufstelle für Entdeckungen war dabei die gin-kingdom.net Webseite. Die Seite hat keine starren Rankings, sondern bietet einfach eine übersichtliche Sammlung, sortiert nach Herkunft und Stil. Das war ideal, um gezielt nach deutschen Produzenten zu filtern, von denen ich viele noch nie gehört hatte. Ohne diese Art von Wegweiser hätte ich wahrscheinlich nur die bekanntesten drei oder vier gefunden.

Die Überraschung im ersten Schluck

Mein erster Kauf war ein Gin aus dem Schwarzwald. Die Flasche war schlicht, das Etikett handbeschriftet. Ich erwartete vielleicht einen kräftigen Fichten- oder Tannennadel-Ton, so klischeehaft war mein Gedanke. Was dann kam, war eine Offenbarung aus floralen Noten und einer leichten Bittermandel-Würze. Kein Wald im Glas, sondern eine komplexe Blumenwiese. Dieser erste Abend lehrte mich eine Lektion: Meine Vorurteile über “regional typische” Aromen waren komplett nutzlos. Jeder Brenner interpretiert die Botanicals auf seine eigene Weise. Seitdem gieße ich jeden neuen Gin erst einmal pur in ein Nosing-Glas, bevor ich überhaupt ans Tonic denke. Nur so verstehe ich, womit ich es zu tun habe.

Warum kleine Brennereien anders ticken

Nach ein paar Flaschen begann ich, die Unterschiede zur industriellen Produktion zu schmecken. Es geht nicht unbedingt darum, dass alles besser ist. Manchmal ist ein Experiment auch mal daneben. Aber es ist anders. Bei den meisten Manufakturen, mit deren Gins ich mich beschäftigt habe, fällt eines auf: Die Rezepturen sind oft weniger auf Massenmarkt-Ausgewogenheit getrimmt, sondern mutiger. Eine Brennerei in Norddeutschland setzt auf lokal geernteten Sanddorn, der eine intensive, säuerliche Fruchtnote bringt. Eine andere im Alpenvorland trocknet die Enzianwurzel selbst, was eine ganz andere, erdiger Bitterkeit ergibt als der standardisierte Extrakt. Diese lokalen Zutaten sind nicht immer billiger. Oft sind sie es gerade nicht. Aber sie prägen einen unverwechselbaren Charakter. Hier eine kleine Liste von Dingen, die ich bei den großen Marken so nicht gefunden habe:

  • Die Verwendung von getrockneten regionalen Apfelsorten anstelle von standardisierter Zitrusnote.
  • Ein Gin, der durch Filterung über Holzkohle aus heimischer Buche besonders weich wird.
  • Destillate, die in wirklich kleinen Chargen von unter 100 Litern gebrannt werden, was viel manuelle Kontrolle erlaubt.
  • Die explizite Entscheidung gegen den Trend zu “Navy Strength” und für einen niedrigeren Alkoholgehalt, um die Aromen feiner herauszuarbeiten.

Der Preis und die Frage nach dem Wert

Kommen wir zum unangenehmen Teil: das Geld. Eine Flasche Gin von einer kleinen Manufaktur kostet selten unter 30 Euro, oft liegt sie zwischen 35 und 50 Euro. Für eine Standard-0,7l-Flasche. Das ist eine Stange Geld. Ich habe mir anfangs jedes Mal gedacht: “Für den Preis kriegst du zwei Flaschen des bekannten Marken-Gins.” Die Frage ist, was man will. Will ich eine zuverlässige Grundlage für viele Longdrinks auf einer Party? Dann ist der Manufakturgin vielleicht die falsche Wahl. Geht es mir aber um ein Genusserlebnis, bei dem ich den Abend mit einem, zwei sorgfältig zubereiteten Gläsern verbringe, dann verschiebt sich die Rechnung. Die Flasche hält länger, weil ich sie nicht achtlos wegkippe. Jeder Schluck ist aufmerksamer. Ob mir das den Aufpreis wert ist? Meistens ja. Aber nicht immer. Ich habe auch Flaschen, bei denen ich denke: Das war jetzt interessant, aber kein zweites Mal.

Meine persönlichen Lehren aus dem halben Jahr

Am Ende frage ich mich natürlich, was mir das ganze Projekt gebracht hat. Abgesehen von einem vollen Regal. Erstens habe ich meine Heimatregion geschmacklich neu kennengelernt. Kräuter und Pflanzen, an denen ich immer vorbeigelaufen bin, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Zweitens hat sich meine Art, Gin zu trinken, verlangsamt. Es ist kein schneller Drink mehr, sondern etwas, wofür ich mir Zeit nehme. Drittens, und das ist vielleicht das Wichtigste, habe ich gelernt, dass “gut” nicht immer “perfekt ausbalanciert” bedeutet. Manchmal ist ein etwas eigenwilliger, eckiger Charakter viel spannender als eine glatt polierte, aber langweilige Harmonie. Hier sind ein paar einfache Tipps, wenn du selbst mal in die Welt der kleinen Brennereien schnuppern willst:

  • Fang mit einem Probierset an. Viele Manufakturen bieten 2cl oder 5cl Fläschchen an. Das ist günstiger als eine volle Flasche zu riskieren.
  • Vergiss die klassische London-Dry-Brille. Ein guter Gin muss nicht nach Wacholder dominieren. Sei offen für florale, würzige oder sogar grasige Noten.
  • Pass das Tonic an. Ein sehr trockener, botaniklastiger Gin verträgt vielleicht ein floraleres Tonic, ein kräftig-würziger ein klassisches.
  • Besuche einen lokalen Spirituosenmarkt. Oft sind die Brenner persönlich da und du kannst direkt mit ihnen reden. Das erklärt meist mehr als jede Beschreibung.

Mein Regal ist jetzt voll. Die sechs Monate sind um. Aber ich glaube, ich bleibe dabei. Die nächste Flasche wartet schon. Sie kommt aus einer alten Mühle in Ostfriesland und soll Noten von wildem Küstenkräutern haben. Ich bin gespannt. Vielleicht räume ich einfach ein anderes Regal frei.